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Mittwoch, 26. April 2006: 20 Jahre Tschernobyl - Vogel Strauss Politik heilt alle Wunden?
10. April 2003. Radioaktiver Unfall in Paks, dem einzigen Atomkraftwerk in Ungarn. Wie erst viel später bekannt wird, handelte es sich dabei um einen Störfall der Kategorie 3 (= ernster Störfall/beinahe Unfall). Der Unfall wird in der größten österreichischen Tageszeitung mit einem doch recht kurzen Artikel bedacht. Wochenlang ist nicht klar, ob sich der Vorfall zum einem ernsthafteren entwickeln würde. Stattdessen wird lieber über leichtsinnig in Geiselhaft gelangte österreichische Touristen in Algerien berichtet, obwohl der Vorfall als schwerster seit Tschernobyl bezeichnet wird.
Am 26. April 1986 ereignete sich dieser bis dato schwerwiegendste Atomunfall der Geschichte der Menschheit. Im Kernkraftwerk Tschernobyl gab es nach einigen Experimenten der Führungsmannschaft einen GAU, der zahllosen Menschen das Leben kostete. Aufgrund der langen Halbwertszeit von radioaktiven Materialien, wird das genau Ausmaß der Katastrophe wohl nie genau messbar sein. Tatsache ist, dass bis zum heutigen Tag Menschen in der Ukraine und Europa, wenn nicht der ganzen Welt, an den Folgen leiden und sterben.
Experten und die die sich als solche bezeichnen streiten sich um die genauen Opferzahlen. Manche Anhänger der Atomkraft sprechen von 10 Todesopfern, deren Gegner von mehreren 100 000.
Tatsache ist, dass seit dem Unfall 20 Jahre vergangen sind. In einer schnelllebigen Zeit wie der unsrigen - eine Ewigkeit. Dies lässt so manches vergessen. Die Aufregung um das Nicht-draussen-spielen-dürfen. Als Kinder von einem Tag auf den anderen vor leeren Sandkisten standen, obwohl am Tag davor noch alle den 1. Mai feierten, als wenn nichts passiert wäre.
Nur ein paar Jahre später wurde mit dem Bau von Temelin begonnen – einem der heute kontroversiellsten Atomkraftwerke in Europa. Keiner der damaligen Politiker, kein österreichisches Regierungsmitglied hat sich damals dagegen eingesetzt - zu einer Zeit als noch Vaclav Hawel Präsident der Tschechoslowakei war und der die Inbetriebnahme des AKW Temelins später als einen seiner größten Fehler bezeichnet.
20 Jahre nach Tschernobyl wird das Thema Temelin als Wahlkampfpropaganda missbraucht und Menschen an der Nase herumgeführt, was Österreich nicht alles gegen Atomkraftewerke in Europa tun will. Diplomatisch ausgedrückt haben sich österreichische Politiker jedoch immer nobel aus der Affäre gezogen. Die Anzahl der Anfragen und Wortmeldungen im Europäischen Parlament unserer Parlamentarier zu dem Thema Atomkraft kann man seit Mitte 2004 an einer Hand abzählen.
Allerdings schlittert Europa in die Gefahr einer Renaissance der Atomkraft - immer mehr Länder der Europäischen Union wollen neue Atomkraftwerke bauen. Und obwohl Österreich sich auf die Brust klopfen kann, weil es vor einigen Jahrzehnten einmal gegen ein Atomkraftwerk gestimmt hat, heißt das noch lange nicht, dass wir uns für alle Zeiten aus der Affäre gezogen haben und nun nichts mehr tun müssen.
Wer hat uns denn dazu gezwungen dem EURATOM beizutreten? Niemand. Wieso soll Österreich plötzlich um 50% dort mehr einzahlen - bis zu 6 Milliarden EURO, wenn wir doch so entschieden gegen Atomkraft sind. Wieso beheimatet Wien Interessensgemeinschaften der traditionellen Energieformen - Öl und Atomkraft - und unterstützt andererseits kaum den Aufbau eines Gegenstücks im erneuerbaren Energiebereich?
Wieso tritt die Atombehörde in Wien auf der einen Seite so selbstbewusst auf, wenn es ums Propagieren der Atomkraft geht und verschanzt sich, je näher der 26. April, der Jahrestag von Tschernobyl, rückt? Wer dieser Tage in die Nähe der UNO City kommt und sich nur auf eine Parkbank vor dem Gebäude setzt wird schon mit Argusaugen beobachtet.
Im Endeffekt ist es doch so, dass Atomkraft ein Relikt aus der Zeit des Technikglaubens ist. Die bereits ergrauten alten Herren, die damals wie heute davon überzeugt sind, dass nur die Atomkraft die Lösung zur Energieglückseligkeit ist, kommen nun wieder aus ihren Höhlen hervor. Und weil anscheinend die Politiker zu lasch sind irgendetwas von Anfang bis zum Ende durchzuziehen - egal um welche Reform es sich handelt - empfangen sie die Ideen dieser alten Herren überschwänglich und bauen sie versteckt in ihre Programme ein.
Wie toll, dass es da noch das Kyoto Protokoll gibt. Einerseits kann man mit dem Stinkefinger ständig auf Amerika zeigen. Weil die bösen Amerikaner nicht dabei sind, können wir auch nichts machen. Auf der anderen Seite wittert die Atomindustrie die Chance als die saubere Energie aufzutreten, die alle CO2 Emissionen auf Ewigkeiten beseitigt. Als nachhaltige Energieform wollten sie die Atomkraft bezeichnen. Das einzige was an Atomkraft nachhaltig ist, sind die Kosten und der Müll, der für immer strahlen wird. Das bereits abgeschaltete AKW Greifswald in Deutschland benötigt 16 Jahre, um es zu demontieren und das Ganze wird 3,2 Milliarden EURO kosten. Die Materialien aus dem Kraftwerk dürfen dann 40 bis 70 Jahre zwischengelagert werden und wo das Endlager sein wird, das weiß man halt noch nicht.
„Ich habe auch Enkelkinder. Aber ich kann mit ruhigem Gewissen sagen, dass Atomkraft eine der sichersten und saubersten Energieformen ist, die es gibt. Jeder der was anderes behauptet, ist ein Panikmacher.“ Zitat eines dieser ergrauten alten Herren bei einer Energiekonferenz. Ob er das den vielen krebskranken Enkelkindern in der Ukraine, Opfer von Tschernobyl, auch mit ruhigem Gewissen sagen kann?
Atomkraft – Nein danke! Vogel Strauß Politik war noch nie erfolgreich und soviel Zeit haben wir bei Atomenergie nicht, die alle Wunden verheilen wird. Denn wer hat schon 50 000 Jahre? Und jeder der glaubt, Atomkraftwerke absolut sicher machen zu können, der schaue sich doch mal das Kopiergerät in seinem/ihrem Büro an, wenn es nicht funktioniert und soll sich dann fragen: „Wenn nicht einmal ein einfaches Kopiergerät funktioniert, wie können wir dann eine atomare Kettenreaktion so sicher machen, dass nie was passieren wird?“